Wie die WHO-Studie zu einer Lektion in kritischem Medienkonsum wird

Ende Oktober 2009 habe ich im Beitrag Was sagt uns die WHO-Studie? dargelegt, ob und wie unser iPhone-Projekt durch die auf Ende Jahr angekündigte Studie der WHO zur Gefährlichkeit von Mobilfunkstrahlen beeinflusst wird. Während es mir in diesem Beitrag um die Frage der Gefährdung von Kindern durch Mobiltelefonnutzung ging, entpuppte sich die Geschichte je länger desto mehr als spannende Lektion zum Thema “kritischer Medienkonsum”:

Obwohl die Studie öffentlich noch gar nicht verfügbar war, hatte der Daily Telegraph in einem Artikel am 24. Oktober 2009 bereits Ergebnisse der Studie vorweggenommen:

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Diese Meldung verbreitete sich danach rasant in den elektronischen und nicht-elektronischen Medien der Welt. So berichtete auch eine Schweizer Gratiszeitung in ihrer Ausgabe vom 27.10.2009 auf der Frontseite von der WHO-Studie:

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Während im Artikel des Daily Telegraph noch darauf hingewiesen wurde, dass die Studie noch nicht publiziert sei und Handys vielleicht einen Zusammenhang mit Krebs haben können (“may be linked to cancer”), wird es im Artikel von 20 Minuten als unumstössliche Tatsache dargestellt (“sind Krebsrisiko”) und es fehlte auf der Frontseite der Hinweis, dass die Studie noch gar nicht verfügbar ist.

Mit diesem Artikel war das Thema Tagesgespräch, denn 20 Minuten wird gelesen. Aufgrund der dürren Informationslage war es für mich gar nicht einfach, entsprechende Fragen und Befürchtungen zu beantworten. “Ohne die Studie selbst gesehen zu haben, lässt sich wenig sagen” und “Mehr weiss ich auch noch nicht” klingt tatsächlich nicht sehr beruhigend. Entsprechend hoch gingen vielerorts die Wellen.

Erst am Abend des gleichen 27. Oktobers 2009 stiess ich im Tages Anzeiger auf den Artikel Wie eine britische Zeitung die Angst vor Handystrahlen schürt:

t09958In diesem Artikel war zu lesen, dass die angeblich neuen Resultate bereits seit zwei Jahren bekannt seien, und sowohl die Faktenlage als auch die Interpretation gar nicht so einfach seien. Bei Kurzzeitgebrauch von Mobiltelefonen sei bisher kein Zusammenhang mit Gehirntumoren nachweisbar, bei Langzeituntersuchung sei die Datenlage bisher dürftig und ein kausaler Zusammenhang schon nur aufgrund mangelnder Erinnerung der Studienteilnehmer schwierig. Zwei der befragten Wissenschaftler meinen zum Schluss des Artikels, ein starker Krebs erregender Effekt bei Langzeitgebrauch sei unwahrscheinlich, weil sich insbesondere unter jungen, viel mobil telefonierenden Menschen kein Anstieg von Hirntumoren beobachten lasse. (Diese Aussage wird durch einen aktuellen Artikel in der dänischen Fachzeitschrift Journal of the National Cancer Institute (Bd. 101, S. 1721) gestützt, dass in nordeuropäischen Ländern in den letzten Jahren die Erkrankungsquote bezüglich Hirntumoren nicht erhöht habe, doch darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen).

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Einen Tag später, am 28. Oktober 2009 griff auch NZZ online das Thema unter dem Titel Ängste durch Unwissenheit auf. Auch hier wird der die Debatte auslösende Artikel des Daily Telegraph zum Anlass genommen, über die ungenügende Datenlage bezüglich Langzeitwirkungen von Handynutzung zu berichten. Insbesondere wird davor gewarnt, von der Publikation des Schlussberichts der Interphone-Studie ein definitives Resultat zu erwarten.

Nun, seither hat es die Interphone-Studie nicht mehr auf die Frontseiten von Zeitungen geschafft, ohne vertiefte Recherche ist nicht eruierbar, ob nun tatsächlich neue Forschungsergebnisse publiziert worden sind. Doch darum soll es in diesem Beitrag auch nicht gehen.

Fazit dieser Recherchen: Nicht nur die Schüler der Projektklasse dürften anhand dieses Beispiels gelernt haben, dass die Wirklichkeit komplexer ist, als es einem Zeitungsschlagzeilen weismachen wollen. Ich habe vor allem gelernt, wie viel Aufwand solche Schlagzeilen verursachen können und wie aufwändig es sein kann, eine differenzierte Betrachtungsweise zu kommunizieren.

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5 Antworten auf Wie die WHO-Studie zu einer Lektion in kritischem Medienkonsum wird

  1. Stettler Hansueli sagt:

    Das Grundproblem ist die lange Latenz der Krebsentstehung von 8 – 10 Jahren. Darum dauert es noch eine gewisse Zeit, bis alle Handynutzer diese Frist erreicht haben. Das Risiko ist – soviel kann man bereits sagen – für Viel-Telefonierer stark erhöht. Die Frage ist nur noch, wo diese Grenze gezogen werden kann…
    Hier ein Teil der leider aus politischen Gründen immer noch provisorischen Resultate (ein Teil der Projektverantwortlichen verzögert aus durchsichtigen Gründen deren Publikation!):
    Zitat:
    *Für das Gliom – einen Hirntumor mit der höchsten Sterblichkeitsrate – hebt Interphone hervor, dass mit den „verfügbaren Daten aus den skandinavischen Ländern und aus dem Vereinigten Königreich ein hohes Risiko für die Bildung dieser Tumorart auf der Seite des Kopfes festgestellt werden konnte, auf der normalerweise das Telefon benutzt wird. (…)
    Die Ergebnisse lassen somit durchscheinen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Gliom nach zehn Jahren Handynutzung zu entwickeln, in den skandinavischen Ländern um bis zu 60 % höher liegt. Dieser Wert erreicht 100 % in Frankreich und 120 % in Deutschland.
    Diese Ergebnisse sind hinsichtlich der Meningiome und der akustischen Neurinome stärker kontrastiert, obwohl sich auch hier eine ähnliche Tendenz bemerkbar macht. Für Tumore der Ohrspeicheldrüse dagegen wurde keine Erhöhung des globalen Risikos festgestellt. Doch um diese Ergebnisse zu bestätigen, sind zusätzliche Untersuchungen mit längeren Latenzzeiten notwendig.”
    Für weitere Informationen zum Thema: buergerwelle.ch und gigaherz.ch.
    Hansueli Stettler
    Lindenstr. 132
    9016 St.Gallen

  2. Schrutt Roman sagt:

    Studien hin oder her: Wenn einem Lebewesen die Luft abgedreht wird (Geldrolleneffekt neben Funkmasten), sind das reale Erkenntnisse, die die Studien der Mobilfunkbetreiber geradezu lächerlich erscheinen lassen. Nur die schlechte Erfahrung am eigenen Leib, wird die menschliche Species VIELLEICHT eines Tages zu einem vernünftigen Umgang mit ihren Lebensgrundlagen zurückfinden lassen.

  3. Zech Heinz sagt:

    Es gibt unzählige unabhängige Forscher, die auf die Gefährlichkeit von hochfrequenten elektromagnetischen Strahlen hinweisen und ausführliche Berichte herausgeben (nicht via Zeitungen). Das gilt auch für niederfrequente magnetische und elektrische Felder.
    Können mir die Verantwortlichen von der Projektschule Goldau bitte eine schriftliche und unterzeichnete Erklärung zustellen, wo man für die Kinder an der Projektschule Goldau die Ungefährlichkeit und Unbedenklichkeit von hochfrequenten elektromagnetischen Strahlen festhält!?
    Bitte senden an:
    Heinz Zech
    Centralstrasse 18
    6410 Goldau

  4. Beat Döbeli Honegger sagt:

    Als verantwortlicher Projektleiter sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, Unbedenklichkeitserklärungen an mir bisher unbekannte Projekt-Externe zu versenden.

    Elektromagnetische Strahlung ist aber für die am Projekt Beteiligten durchaus ein Thema, das ernst genommen wird. Unsere Aussagen zum Thema elektromagnetische Strahlung sind auf diesem Weblog abrufbar (u.a. hier).

  5. Zech Heinz sagt:

    Ich würde diesbezüglich sicher auch keine schriftliche Erklärung abgeben. Es könnte ja sein, dass irgendwann doch noch Kinder geschädigt und/oder krank werden und die Beweislast erdrückend gross wird, wie es z.B. mit dem Asbest passiert ist. Es wäre zu schön, wenn die Gesundheitsvorsorge gerade bei Kindern an erster Stelle käme.
    Ich finde es unfair gegenüber den Kindern, dass Erwachsene, die offensichtlich ihr ‘Fachwissen’ durch Internetrecherchen aneignen, die Warnungen von Experten, Professoren und Forschern einfach auf die noch ‘ungesicherte’ Seite stellen und die mobilfunkfreundlichen Ansichten hervorheben.
    Unterwegs lerne und arbeite ich auch viel mit meinem Nokia N95 8GB. Die Übertragung von Word, Excel, PDF, MP3 etc. erfolgt nur via KABEL. Das Gerät ist stets auf OFFLINE.
    Dieser Drahtloswahnsinn wäre wirklich nicht nötig, ausser für all diejenigen, die mit dem direkt oder indirekt Geld verdienen.

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